Historisches

Aus unserem Archiv dürfen wir Ihnen hier zunächst eine Auswahl präsentieren:

Die Festschrift anlässlich der Einweihung des Gebäudes der Kreisfeuerwehr 1925

 

Das Grubenunglück in Alsdorf

Von Kreisbrandmeister Branddirektor Merckens Eschweiler

Das Grubenunglück vom 21. Oktober 1930 aus der Sicht des damaligen Kreisbrandmeisters er schrieb dazu folgenden Artikel für die Zeitschrift „Der Rheinische Feuerwehrmann vom Nov. 1930“.

Die Hilfeleistung der Freiwilligen Feuerwehren.

Am 21. Oktober 1930, morgens 7.30 Uhr, ereignete sich auf der Zeche Anna II des Eschweiler Bergwerksvereins in Alsdorf eine Grubenkatastrophe die in ihrer Art wohl als die schrecklichste zu bezeichnen ist, die sich  in Deutschland je ereignet hat. Die Ursache ist bisher  immer noch nicht einwandfrei festgestellt worden. 268 brave Bergknappen, Angestellte und Beamte sind durch die Wirkung der Explosion infolge Erschlagung, Verbrennung oder Erstickung zu Tode gekommen, darunter auch 6 Mitglieder der Freiw. Feuerwehr Alsdorf. Weit über 100 Verletzte und durch Gasvergiftung Erkrankte mußten in die Krankenhäuser gebracht werden. Ein ungeheures Trümmerfeld bedeckte den früheren Zechenplatz, aus dem der schwere, durch die Explosion umgestürzte Förderturm emporragte. Der größte Teil des Verwaltungsgebäudes, Maschinenhaus, Waschkaue usw. lagen zusammengestürzt. Infolge des gewaltigen Luftdrucks war in weitem Umkreis kein Haus von Schaden verschont geblieben. Abgedeckte Dächer, herausgerissene Türen und Fenster, Mauer- und Putzreste bedeckten die Straßen und Höfe. Dazwischen irr einherlaufende schreiende Frauen und Kinder vervollständigten das Bild des Jammers. Aus den Trümmern drang stellenweise Dampf aus zerrissenen Dampfröhren. Der Qualm der aus der Grube durch den Schacht aufstieg, bahnte sich einen Weg durch die Trümmer und ließ auf eine große unterirdische Explosion schließen. Die vorbeiführende Eisenbahnstrecke Alsdorf-Herzogenrath war von den Gesteinsmassen völlig verschüttet. Von den Hochspannungsmasten hingen die Drähte zerrissen zur Erde.

Um 7.50 Uhr erhielt die Kreisfeuerwehr Aachen- Land den ersten Alarmruf. Sie rückte sofort mit 6 Fahrzeugen darunter 3 Krankenwagen, aus und traf bereits um 8 Uhr an der Unglücksstelle ein. Auf dem Trümmerfelde waren die ersten Rettungsarbeiten durch in der Nähe befindliche Arbeiter und durch die Werkswehr der benachbarten Teerverwertungsgesellschaft unter der Leitung ihres Brandmeisters Müller bereits begonnen worden. Die Kreisfeuerwehr griff sofort mit ihrer gesamten Mannschaft ein und transportierte die ersten Verletzten ab. Beim Eintreffen der Kreisfeuerwehr waren noch verhältnismäßig wenige Zuschauer an der Unglücksstätte. Der Strom der Zuschauer schwoll jedoch schneller als erwünscht an. Der mit der Kreisfeuerwehr eingetroffene Oberbrandmeister Maclot übersah sofort die Lage und gab dem Landrat telefonisch Meldung mit der Bitte, alle im Kreise verfügbaren Wehren, Sanitätskolonnen, Landjägerei- und Polizeibeamte alarmieren zu lassen. Benachbarte Wehren trafen schon früh ein und waren bald aus allen Ecken des Kreises die Wehren zur Stelle, die nunmehr unter Leitung des bereits um 8.40 Uhr an der Unglückstelle erschienenen Kreisbrandmeisters Merckens die Rettungsarbeiten aufnahmen. Für die Absperrungsarbeiten sorgten die inzwischen zahlreich erschienenen Polizeibeamten. In angestrengtester Arbeit wurde ein Verletzter nach dem anderen, ein Toter nach dem andern geborgen. In langen Reihen wurden Feuerwehrleute aufgestellt, die, Steine von Hand zu Hand reichend, schnelle, gründliche und mit Rücksicht auf etwa Verschüttete, sehr vorsichtige Aufräumungsarbeit leisteten. Andere arbeiteten mit Schaufeln und Picken, räumten Balken und Träger ab; hindernde Träger wurden mit Schweißapparaten durchgebrannt usw.

Herzzerreißende Szenen spielten sich ab. Manche heroische Tat menschlicher Hilfsbereitschaft konnte man beobachten. Ein Beispiel: Aus dem Schacht glaubte jemand Rufe zu hören. Als auf Kommando allgemeine Ruhe eintrat, wurden die Rufe aus dem Schachtinnern deutlich vernommen. Vorsichtig wurde nun eine kleine Öffnung in dem den Schachteingang bedeckenden Schutt geschaffen. Eine Einfahrt  – oder Einsteigmöglichkeit – war nicht mehr vorhanden, da die Explosion auch im oberen Schacht alles beschädigt oder vernichtet hatte. Kurz entschlossen meldete sich ein Feuerwehrmann., der freiwillig das Rettungswerk übernehmen wollte. Er wurde von seinen Kameraden angeseilt und durch die Öffnung in den gähnenden Schacht hinunter gelassen. Sechzig  Meter Fangleine waren bereits abgewickelt – noch nicht genug. Erst nach Abwicklung weiterer 20 Meter stieß der Retter auf 4 Bergleute, die versucht hatten, die Schachtzimmerung entlang ans Tageslicht zu gelangen, infolge Entkräftung nicht mehr höher kommen konnten und denen der weitere Aufstieg durch die fehlende Möglichkeit versagt blieb. Sie wurden von ihrem Retter einzeln angeseilt und hochgezogen. Zuletzt wurde der Retter selbst wieder hochgebracht. So könnte  noch manche hochherzige Tat berichtet werden.

Die Arbeiten der Feuerwehren wickelten sich hauptsächlich über Tage ab, da zu systematischen Arbeiten unter Tage dem weitaus größten Teil der Wehrleute die Kenntnisse fehlte. Gegen Mittag trafen Rettungskolonnen von Werkwehren des Ruhrgebietes auf ihren Feuerwehrfahrzeugen ein, ebenfalls solche vom Niederrhein, die, mit Sauerstoffapparaten ausgerüstet, sofort durch den Nachbarschacht Anna I in die Grube einfuhren, um dort das umfangreichere und gefährlichere Rettungswerk vorzunehmen. Es war ausgeschlossen, durch den Unglücksschacht Verletzte aus der Grube zu bergen. Darum wurden schon früh die Krankenwagen zum Nachbarschacht Anna I beordert, wo alle Krankenwagen, die im Kreise sowie in der Stadt Aachen aufzutreiben waren, benötigt wurden. Ununterbrochen ging der Förderkorb auf und ab, Retter in die Grube bringend oder Verletzte, Tote oder abgelöste Rettungsmannschaften zu Tage zu fördern. Weiter abliegenden Schächten entstiegen ebenfalls noch gerettete Bergleute, die den weiten Weg unter der Erde gefunden hatten.

Auch wurden dort mehrere Verletzte und Tote zu Tage gebracht.

Mancherlei Lehren sind aus diesem Massenunglück für die Feuerwehren zu ziehen, die wegen der Wucht und Fülle der Ereignisse zunächst noch nicht klar herausgestellt werden konnten. Als wichtigstes zeigte sich die Bewährung des alten Grundsatzes – Ruhe – klare Erkenntnis der Dinge, soweit eben möglich – und Einrichtung hierauf. Ein solches Massenunglück erfordert Einsetzung aller Hilfskräfte, die schnellstens herangeschafft werden müssen. Der nächste Weg war, wie hier geschehen, die Alarmierung sämtlicher Wehren des Kreisverbandes über den Landrat bzw. den Kreisbrandmeister und die Benachrichtigung der benachbarten Kreisfeuerwehrverbände. Das Wesentliche ist, die ankommenden Wehren nicht selbständig und planlos an die Arbeit gehen zu lassen; denn nur nach einem klaren Plan kann zweckmäßige Arbeit und Hilfe geleistet werden. Erst Einteilung der Arbeiten, dann Einteilung der Mannschaften. Diese müssen unter verantwortlicher Leitung bewährter,

zielbewußter Führer an die zugewiesene Arbeit gehen, wobei nie außer acht gelassen werden darf, daß fortdauerndes Arbeiten Ablösung erfordert.  Darum darf das Ganze nicht sofort eingesetzt, genügend Mannschaften müssen in Bereitschaft gehalten werden. Dies ist auch deshalb nötig, weil man unter der besten Voraussicht niemals wissen kann, ob nicht plötzlich neue wichtige Aufgaben entstehen. Disziplin und Führerfrage spielen hier eine wesentliche Rolle. Murrende Feuerwehrleute, die sich nur mit Widerwillen anstrengen, können hier ebensowenig gebraucht werden, wie an einer Brandstelle. Führer, die nicht in der Lage sind, durch gutes Beispiel ihre Leute anzufeuern und so ihr Vertrauen zu wecken, sind in solchen Fällen keine Führer.

Ganz allgemein hat das Alsdorfer Unglück den Beweis erbracht, daß im Landkreise Aachen und weit darüber hinaus neben Ärzten, Sanitäts- und Rettungskolonnen die Feuerwehren eine wirklich brauchbare und hilfsbereite Großorganisation bilden, auf welche die Bevölkerung vertrauen kann. Auch fürderhin werden die Feuerwehren ihre Devise hochhalten und unermüdlich auf weitere Vervollkommnung bedacht sein. Hierbei muß jetzt und immerdar auf die Hilfe der Behörden und Unterstützung der Bevölkerung gerechnet werden können.

Originaltext aus der Zeitschrift  „DER RHEINISCHE FEUERWEHRMANN“ vom Nov. 1930